Katja Davar

Diagramme sind schematische Darstellungen

 

die komplexe Sachverhalte, Beziehungen und Strukturen veranschaulichen und begreifbar machen sollen. Dass sie nicht neutral sind, sondern wie das statistische Zahlenmaterial, das ihnen zugrunde gelegt wird, offen für Manipulationen, ist weithin bekannt. Die Wirklichkeit, die sie beschreiben und analysieren, bringen sie demnach selbst mit hervor, sie sind weniger Abbild als Behauptung von Wirklichkeit – und in diesem Sinne immer auch Gegenstand politischer Deutungen.

 

Katja Davars Zeichnungen, computergestützte Stickbilder, Projektionen und kurze Animationen lassen diese letztlich allen Repräsentationssystemen inhärente Ambivalenz produktiv werden. So mäandert ein weißes Säulendiagramm horizontal durch ihre großformatige Schwarzweißzeichnung Rhythms of the market place (2010), ein schwarzes Säulendiagramm im Hintergrund konterkariert seinen Verlauf. Referenz und Ornament in einem, verzeichnen die Säulendiagramme die Börsennotierungen von Kupfer während der vergangenen hundert Jahre – nach Eisen und Aluminium das Metall mit dem weltweit dritthöchsten Verbrauch – sowie die Preistendenzen von Erdöl aus der Nordsee: zwei natürliche Ressourcen, deren Verfügbarkeit eng verknüpft ist mit den „Rhythmen des Marktes“ und politischen Entwicklungen. Überstrahlt von einem Vektorenkranz findet die Darstellung einer vertikal aufgestellten Platine (zu deren Herstellung z. B. Kupfer verwendet wird) ihr Pendant auf der in die Tiefe des Bildraums weisende Bodenebene und wird von einer sternförmigen Bodenintarsie überblendet, ein Detail, das die Künstlerin einem Bild des französischen Malers Jacques de Lajoue entlehnt, ebenso wie jene auf einem Ständer gelagerte Kugel, die im Original zwischen Lupen, Zirkeln und Mikroskopen platziert ist. The Observatory (um 1790) ist eine Allegorie der Naturwissenschaften des 18. Jahrhunderts und ihrer Überzeugung, durch technische Hilfsmittel die beobachtbare Welt genau vermessen und erfassen zu können.

 

Katja Davars Zeichnung hingegen ist Konstruktion und Dekonstruktion einer eigenen Welt, in der Referenzen unterschiedlichster Wissensgebiete, Kulturkreise und Epochen zusammentreffen: Grafiken aktueller Wirtschaftsmagazine, die ihres Glossars entkleidet sind und damit nicht mehr lesbar, Elemente französischer Rokokomalerei oder die japanisch anmutende Darstellung eines Baums. Tatsächlich ist dessen Blattwerk an ein florales Ornament von Christopher Dresser (1834–1904) angelehnt, eines Zeitgenossen von William Morris, der wie dieser als Avantgarde des britischen Jugendstils gilt. In An accurate forecast (2010) verbindet Davar Details einer Stadtansicht aus einem Giotto zugeschriebenen Freskenzyklus in Assisi mit einem chinesischen Brunnen der Ming-Zeit, einem weit verzweigten Röhrensystem sowie architektonisch anmutenden Säulendiagrammen – eine erneute Referenz auf die Preisentwicklung von Kupfer. Wieder andere Zeichnungen mischen Torten- und plastisch ausgearbeitete Kurvendiagramme, verwandeln das Emblem der Weltbank in ein Heckenlabyrinth oder betten die architektonischen Entwürfe von Rem Koolhaas und des Londoner Architektenbüros RMJM für die Zentrale der Gazprom in Sankt Petersburg in eine auf den Kopf gestellte chinesische Landschaft, über der geometrische Bewegungsfiguren von Flugobjekten schweben.

 

Katja Davar unterminiert die mannigfachen Versuche, Welt und Wirklichkeit schematisch darzustellen, sie fassbar, erklärbar, kontrollier- und prognostizierbar zu machen. Statt auf Vereinfachung zielt ihr wilder Mix unterschiedlicher Stile, Bildtraditionen und Referenzen auf Verkomplizierung, widersetzt sich ihr Werk reflektiert und ironisch gebrochen der Faszination einfacher Erklärungsmuster. Schaubilder, technische Figuren, Schalttafeln und Benutzeroberflächen vermischen sich mit fließenden, organisch wirkenden Formen und verdichten sich zu irreal anmutenden Raumordnungen und (Stadt-)Landschaften. Die Dynamik mehrerer in ganz unterschiedliche Richtungen weisender Perspektiven unterläuft die Illusion eines geschlossenen Bildraums. Formale Kohärenz gewinnen Davars Arbeiten vor allem durch ihre Technik, in diesem Fall die meisterhaft beherrschte Bleistift- und Graphitzeichnung, die in Rhythms of the market place durch aufgestempelte Tuscheelemente ergänzt wird und im Zeitalter der Digitalisierung von Bildern gerade durch die verschwenderische Abwesenheit einer Ökonomie der Mittel einen interessanten Kontrapunkt setzt.

 

Die 2010 entstandene Skulptur Housing the magic formula fügt Katja Davars Werk, das v. a. für seine Zeichnungen und Animationen bekannt ist, einen neuen Akzent hinzu. Auf einer Bodenplatte arrangiert sie ein architektonisches Ensemble en miniature, das mit seiner Umfriedung, seinen pagodenhaften Türmen und tempelartigen Dächern Einflüsse verschiedener Kulturen und Bautraditionen erkennen lässt. Ein Fundstück aus dem Belgien der 1920er Jahre, diente es ursprünglich als Gartenarchitektur für Schildkröten – es ist maßstäblich seinen ehemaligen „Bewohnern“ angepasst – und erzählt doch viel mehr von seinen Herstellern und deren Fantasien. Aus Beton gegossen, d.h. industriell gefertigt, manifestiert sich im Schildkrötentempel eine koloniale Projektion des Fremden, Exotischen. Sie entwirft das Bild eines in sich geschlossener Kosmos, eines hortus conclusus, einer eingefriedeten Utopie, die im selben Maße, wie sie Fremdes aufnimmt, auch ausschließt; eingelassen wird nur, was sich ihrem Diktum unterordnet. Doch Katja Davar verändert das ursprüngliche Arrangement, fügt Öffnungen und Durchgänge ein ins ursprünglich klar abgegrenzte Areal. Das Schema ist noch erkennbar, das einst geschlossene Weltbild ist jedoch brüchig geworden, fragmentarisch, durchlässig. Genau hierin, so legt der Titel nahe, in dieser Offenheit und der damit verbundenen Komplexität, ist die „magische Formel“ zu finden – und eben gerade nicht in den Versuchen, alles auf ein gemeinsames Erklärungsmuster zu reduzieren.